Wirklich faire Schokolade! Ein Interview mit fairafric-Gründer Hendrik Reimers

Das deutsch-ghanaische Startup fairafric produziert wirklich faire Schokolade „bean to bar“ im Herkunftsland Ghana. Von dieser Idee war ich vom ersten Moment begeistert und wollte wissen, was es bedeutet, wenn jemand sich vornimmt, einen kleinen Teil unserer Welt zu verändern. 

Sehr gerne habe ich im Frühjahr die zweite Finanzierungsrunde für fairafric Schokolade auf kickstarter.de unterstützt. Jüngst wurde Hendrik Reimers‘ ambitioniertes Unternehmen mit dem Next Organic Startup Award ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch!

fairafric faire bio Schokolade made in Ghana

Jetzt endlich kam, anstatt wie geplant Ende August, die Schokoladenlieferung für die Unterstützer an – ich freue mich riesig über die „wahrscheinlich fairste Schokolade der Welt“.

fairafric - faire Schokolade bean to bar aus Ghana

Ich kann nun sagen: Sie schmeckt köstlich! Intensiv und ist alle Mühe wert. Was sie darüber hinaus auszeichnet, erzählt Euch Hendrik Reimers selbst. Er war so nett, mir mitten im größten Trouble um die Produktion ein paar Fragen zu beantworten.

Ghana hat riesiges Potential für Verbesserungen

Ein Interview mit fairafric-Gründer Hendrik Reimers über Stolpersteine und Erfolge seiner fairen Schokolade made in Ghana

Hendrik, warum war es Dir so wichtig, Deine Schokolade jetzt in Bio-Qualität anzubieten?

Unsere Kunden haben danach gefragt und wir nehmen das Feedback sehr ernst. Außerdem ist eine Bio-Zertifizierung der einzige Weg, genau zu wissen, woher die Bohnen, die in meiner Schokolade stecken, gekommen sind. Bei Fairtrade ist dies nicht der Fall, da läuft es wie beim Öko Strom, ich zahle ein Premium, weiß aber nicht wo mein Strom herkommt. Da die Bohnen auf Schiffe verladen werden, kann sie später niemand mehr auseinander halten. Bei fairafric weiß ich, was drin ist.

Offenbar hat Dich das aber vor einige Schwierigkeiten gestellt. Die Lieferung hat sich um gut zwei Monate verzögert. Was war los?

Allerdings. Bei der Planung der Produktion dachte ich, dass wir nach allen erfolgreichen Zertifizierungen die Hürden der Bio Produktion genommen haben. Irgendwann musste ich jedoch feststellen, dass dem überhaupt nicht so ist. Acht Wochen lang waren wir in den Startlöchern um zu produzieren, aber uns fehlten die Bohnen, die unsere Kooperative längst produziert und in den Lagern der Ghanaischen Kakaobehörde eingelagert hatte. Die Bohnen dem Staat abzunehmen, das war durch die Bio Qualität und dem damit verbundenen Papierkrieg, sehr kompliziert. Dazu kam ein dramatisch eingebrochener Weltmarktpreis für Kakao und ein unglückliches Timing. Wir haben viel gelernt, unter anderem, dass wir sehr genau planen mussten, was nach Freigabe der Bohnen produziert wird. Aber auch, dass wir einen höheren Finanzierungsbedarf haben, wenn wir nie wieder ohne Bohnen da stehen wollen.

fairafric faire bio Schokolade

Erkläre meinen Lesern doch bitte ganz kurz: Was sind die wesentlichen Eigenschaften Deiner fairafric Schokolade, mit denen Du Dich von fair gehandelter Schokolade anderer Marken unterscheidest?

Ganz wichtig ist, dass die Schokolade in Ghana selbst produziert wird. 70% der Weltkakaoernte kommen aus Westafrika, fairafric ist aber die einzige Schokolade, die vor Ort produziert wird und erst dann das Land verlässt. Im Vergleich zum reinen Export der Bohnen fließt fünf Mal mehr Geld pro Tonne Kakaobohnen ins Land, wenn wir die Produktion, sprich die Wertschöpfung, vor Ort realisieren. Das ist der absolut entscheidende Vorteil und der Grund, warum es fairafric gibt.

Nach seinem BWL-Studium hat Hendrik bei IBM in Irland Software verkauft und dann, auf dem Weg ins Management festgestellt, dass er zu viel Empathie hat für einen Führungsjob, bei dem man sich um das Wohl anderer keine Gedanken machen sollte. Daraufhin hat er gekündigt, ist zunächst nach Kairo gezogen und schließlich – auf der Suche nach einer sozial verantwortungsvollen Geschäftsidee – durch Afrika gereist. Chapeau!

Von mehreren sinnstiftenden Ideen war es letztlich „fairafric“, die Du umsetzen konntest. Welche Rahmenbedingungen waren nötig und möglich? Und warum hast Du Dich für Ghana entschieden?

Mich hat vor allem motiviert, in Ländern wie Ghana das riesige Potential für Verbesserungen zu sehen und wie wenig davon noch genutzt wird. Was nützen Milliarden an Entwicklungshilfe, wenn in den Ländern Afrikas alle Menschen vom Rohstoffabbau leben müssen und selber keine Wertschöpfung betreiben? Das kann nicht funktionieren! Ghana ist im afrikanischen Kontext sehr weit entwickelt, es gibt Rechtssicherheit und das Land ist allgemein sehr sicher. Zudem wird vor Ort Weltklassekakao hergestellt.

Ich schätze, für eine solche Zusammenarbeit braucht es zum einen viel Vertrauen, aber auch Durchsetzungsvermögen. Wie haben die Kleinbauern vor Ort auf Dich reagiert? Und wie die Mitarbeiter der staatliche Einrichtung COCOBOD, die den gesamten Kakaomarkt vor Ort reguliert?

Viele Kleinbauern wissen gar nicht, was mit Ihrem Kakao passiert, sobald dieser das Land verlässt. Dass wir in der Lage waren, den Bauern die Früchte ihrer Arbeit in Form von Schokolade zu zeigen, war das ein toller Moment. Die Menschen sind generell sehr schnell zu begeistern für Ideen, die dem Land zugutekommen. COCOBOD ist eine sehr große Organisation, die viel Verantwortung für die Entwicklung des Landes trägt. Nach diesem Sommer, an dem wir fast jeden Tag nach unseren Bio-Kakaobohnen gefragt haben, kennen uns viele bei COCOBOD und wollen helfen, dass fairafric zu einem Erfolgsmodell wird.

fairafric - faire Schokolade bean to bar aus Ghana

Der COCOBOD setzt die Preise für Kakao fest. Stimmt es, dass diese zum Teil niedriger sind als die Preise auf dem Weltmarkt?

Ja, das stimmt, der Preis heißt Farmgate Price und der wird ein bis zweimal pro Jahr festgelegt. Dieser gilt dann aber für alle, was Ausbeutung von unwissenden Bauern verhindert. COCOBOD stellt zudem Wissen, Setzlinge und Dünger zur Verfügung.

Aber für Dich bedeutet das, Du kannst nicht fairer bezahlen als die Obrigkeiten es erlauben?

Wir haben das große Glück, eine Sondergenehmigung zu nutzen. Wir können eine hohe Prämie an unsere Kooperative zahlen, die teils bar an die Bauern fließt, und zum anderen Teil in die Bio Zertifizierung von neuen Mitgliedern investiert werden kann.

Fairer Lohn und qualifizierte Arbeitskräfte

Das klingt gut! Nach zwei Produktionsläufen vor Ort: Welchen impact hat fairafric zusätzlich vor Ort?

Die Arbeiter in unserer Produktion sind top ausgebildet, oft studierte Chemiker oder Lebensmitteltechniker. Unsere Produktion hilft, mehr solcher qualifizierten Arbeitsplätze zu schaffen, die um ein vielfaches mehr Einkommen bieten als den Mindestlohn. Das wiederum führt zu einer verbesserten Gesundheitsfürsorge, mehr Bildung, Gleichberechtigung und noch viel mehr.

fairafric - faire Schokolade bean to bar aus Ghana

Intensiver Kakaogeschmack – typisch Ghana

Beschreibe doch mal, wie Deine Schokolade schmeckt! 

Sieben Sorten haben wir jetzt auf dem Markt, am besten probiert es jeder selber. Ich verrate so viel: Alle Tafeln haben einen intensiven Kakaogeschmack, typisch für Ghanaischen Kakao, der überwiegend aus Forastero Bohnen gewonnen wird. Da wir viel Aufwand in das Training unserer Bauern stecken, sind unsere Bohnen die beste Grundlage für richtig authentischen Schokoladengenuss.

Hendrik bezeichnet sich selbst als Hobby Chocolatier. Das Know How hat er sich selbst beigebracht und Expertenrat erst eingeholt, als er sich Fragen nicht mehr selbst beantworten konnte. Bei der Entwicklung der Rezepte war ihm auch das Feedback seiner Unterstützer wichtig.

Wo und in welchen Ländern kann man fairafric Schokolade kaufen?

Weltweit über unseren Onlineshop. In Deutschland zudem bei ca. 125 Händlern, bald vor allem auch in Biomärkten.

Klingt gut! Und wie geht es weiter mit fairafric? Immer wieder Crowdfunding? 

Unser Ziel ist es, möglichst kurzfristig dauerhaft zu produzieren. Wir werden wegen des großen Kapitalbedarfs im Schokoladengeschäft, bei weiterem schnellen Wachstum zumindest, nicht um weitere Finanzquellen herumkommen und suchen nach einem strategischem Investor, der unsere Werte teilt. Mit der GLS Bank haben wir bereits einen tollen Partner, der uns derzeit bei der Finanzierung hilft.

Vielen Dank, Hendrik, für die spannenden Einblicke in Dein Business und ganz ganz viel Erfolg für die Zukunft!

 

Fotos: fairafric. Produktfoto: Tamara SvH

 

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