Hinter Liguriens Westküste hat natürlicher Genuss Tradition

Still und bescheiden erlebt die traditionelle Küche hinter Liguriens Westküste gerade ein weltweites Revival. Zumindest scheint es so, denn viele aktuelle Food-Trends haben hier eine lange Tradition. Einfache, nahrhafte Gerichte aus vorwiegend pflanzlichen Produkten, Figerfood, natürlich Süßes, all das ist „typisch“ ligurisch. Die perfekte Urlaubsregion für Vegetarier und jeden, der gesundes Essen liebt.

Eine kulinarische Spurensuche mit Tipps für gutes Essen und empfehlenswerten Unterkünften.

Liguriens Westküste

Die Region westlich von Genua fasziniert mich immer wieder mit ihrem Kontrast zwischen dem übergangslosen Azurblau von Himmel und Meeer und dem gedeckten Rot, Orange und Gelb, dass längst von den Häusern entlang der Küstenstraßen abblättert; ihrem Kontrast zwischen einem grenzenlos freien Blick auf der einen und der hügeligen Landschaft auf der anderen Seite der Straße. Olivenbäume, Riesenschilf und Wein, Pinien und Eichen, Kastanien und wilde Kirschen tauchen diese Landschaft in schönste Grüntöne.

Häuserfronten Imperia, Liguriens Westküste

Die Kirche in Dolcedo an Liguriens Westküste

Kein Hotelkomplex zerstört hier den ursprünglichen Eindruck. Einzig und alleine die raue, geschwungene, mit farbenfrohen Blumen gesäumte Küste und eine Vielzahl kleiner Dörfer und Städtchen erzählen Geschichte und davon, dass Liguriens Westküste bessere Zeiten gesehen hat – zumindest die küstennahen Städte wie San Remo.

Das Hinterland vielleicht nie. Zu seinem Reichtum gehören weitgehend unberührte Natur, die Kultur und die Menschen, die dort leben. Aus diesem Zusammenspiel hat sich eine fabelhafte Küche entwickelt.

Armes Hinterland mit reichhaltiger Küche

An Liguriens Westküste gibt es viele interessante Orte zu entdecken, doch das Val Prino im Hinterland von Imperia hat eine besondere Anziehungskraft. Die Region mit ihren historischen Oliventerrassen entlang der kurvigen, schmalen Straßen in Richtung Dolcedo und den noch höher gelegenen Ortsteilen hat eine reiche und farbenfrohe Vegetation und das Klima hier ist durch die Bergkette im Norden selbst in den heißen Sommermonaten besonders angenehm.

Neben den Einheimischen und Menschen, die aus anderen Teilen Italiens wie dem Piemont herkamen, sind erstaunlich viele Deutsche und Schweizer in der glücklichen Situation, hier ein Haus und Land zu besitzen – mit eigenen Olivenbäumen und einem ganzen Füllhorn an Obst und Gemüse.  Einige davon sind Journalisten, andere Künstler, manche einfach Aussteiger.

Berühmt: Die Taggiasca Oliven

Im Landesvergleich wird niemand so alt wie die Ligurier und ohne die genauen Hintergründe zu kennen würde ich sagen, ein maßgeblicher Grund ist ihre Ernährung. In der wiederum dürfte das berühmte ligurische Olivenöl eine große Rolle spielen, gewonnen aus Oliven die an Bäumen wachsen, die zum Teil bereits 1000 Jahre alt sind. Taggiasca heißt die Olivensorte, die hier hauptsächlich und mit größter Sorgfalt kultiviert und geerntet wird. Die Früchte sind reich an Nährstoffen und ganz mild im Geschmack.

Liguriens Westküste: Taggiascia Oliven sind hier eine Spezialität.

Es scheint, als ob hier jeder seinen eigenen Jahresvorrat selbst herstellt. Für 20 bis 25 kg gutes, natives Olivenöl werden 100 kg Oliven in Handarbeit geerntet und frisch gepresst. Im Handel und auch in den letzten verbliebenen Ölmühlen des Val Prino hat das grüne Gold deshalb einen ensprechenden Preis.

Bei Frantoio Ghiglione und Frantoio San Martino kannst Du feinstes Olivenöl direkt aus der Region bestellen.

Olivenöl von privaten Anbietern habe ich leider keines gefunden. Und dennoch eine interessante Begegnung gemacht!

6 Food-Trends und ihre ligurische Vorgeschichte

„In der Olivenöl-Produktion steckt so viel Arbeit, für uns lohnt sich der Verkauf einfach nicht“, sagt Natalino. Es heißt, niemand weiß mehr über die traditionelle Küche hinter Liguriens Westküste als er. Er ist viel beschäftigt, doch ich habe das Glück, ihn  in einem Cafe auf dem Marktplatz in Dolcedo zu treffen.

Ich schätze Natalino auf Ende 60, mit seinem langen, weißen Bart und funkelnden Augen, die schon vieles gesehen haben. Im Herzen aber ist er jung und dazu hat er die Energie und den Geist eines 30jährigen. Ich hätte ihm stundenlang zuhören können!

Natalino ist Experte für die Geschichte an Liguriens Westküste

1. Einfache, saisonale Küche

„Die Gegend hier war sehr arm, deshalb haben wir grundsätzlich eine einfache Küche“ erklärt er mir, während er an seinem Kaffee nippt. „Aber heutzutage mögen die Leute ja genau das! Es gab wenig Industrie und vor allem keine motorisierten Fahrzeuge, mit denen man kurz an die Küste oder in eine größere Stadt hätte fahren können.“

Das Leben, erzählt er, fand in erster Linie draußen statt, auf dem Feld, vorwiegend unter Olivenbäumen. In den Sommermonaten verbrachten ganze Familien zum Teil Wochen in den Bergen, um dort Gras für all die Mulis, Schafe und Hühner zu ernten, die als Arbeits- oder Nutztiere ebenfalls gut versorgt werden mussten.

„Als ich ein kleiner Junge war“ erinnert sich Natalino „stand meine Mutter immer schon früh morgens in der Küche um das Essen für meinen Vater zuzubereiten, der bereits in den Olivenhainen arbeitete, Gras mähte, die Oliven erntete. Bis heute ist das richtig harte Arbeit.“

2. Fingerfood

„Sie hat einfache, aber sehr nahrhafte Gerichte zubereitet, die man gut transportieren und mit den Händen essen konnte“ erzählt Natalino. Romantischen Tische unter Olivenbäumen gab nicht. „Man hat sich einfach ein Handtuch genommen, den Schmutz abgewischt und zugegriffen – das ist echte ligurische Küche. Ich denke ganz oft, dass das, was wir heute als Fingerfood kennen, hier in Ligurien seinen Ursprung hat“ sagt er lachend. „Natürlich ohne Chichi.“

3. Pflanzenbasierte Küche

Für Vegetarier ist Liguriens Westküste ein absoluter Traum. Abgesehen von 600 Mulis, ein paar Hühnern, Schafen und Ziegen gab es in der Region keine Tiere. Deshalb wurde hier in der Gegend auch kaum Fleisch gegessen. „Einmal in der Woche kamen die Fischer aus Porto Maurizio und haben frische Sardinen gebracht – das war’s.“ Natalino deutet auf einen Stein hinter uns. „Als Kinder durften wir hier nicht mit nackten Füßen herumturnen, weil der Fisch direkt auf diesen Stein gelegt wurde zum Verkauf.“

4. Kaum Milchprodukte

„Selbstgebackenes Brot gab es fast jeden Tag.“ In den Bergdörfern ist das noch heute oft so. „Ein typisches Essen sind im Ofen gebackene Zucchiniblüten. Die haben einen wunderbar nussigen Geschmack und werden mit einer Masse aus zerstampften Kartoffeln, wild wachsenend Kräutern, Pecorino und Ei gefüllt – in jeder Hinsicht nahrhaft und ganz einfach zu essen.“

Mangold für Torta Verde, ein typisches Essen an Liguriens Westküste

Ein anderes Beispiel ist die Torta Verde, ein mit Mangold, Reis, Eiern und Parmesan gefüllter Kuchen, dessen Teig traditionell mit Olivenöl zubereitet wird.  Butter“ erklärt er, „wurde hier nie verwendet. Viel zu teuer und außerdem hatte ja jeder Oliven.“

5. Natürlich süße Rezepte

Es wurde keine Butter und auch kein Zucker verwendet. Die für Ligurien bekannten Canestrelli  – ein buttrig, süßer und sehr kompaktes Gebäck, bedeckt mit gehobelten Mandeln und Puderzucker, sind in den Hügeln hinter Imperia ganz und gar nicht traditionell. (Trotzdem sehr lecker!

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Eine relativ unbekannte, aber sehr köstliche süße Tradition ist die Stroscia. „Sie ist eine uralte Spezialität aus dem Bergdorf Pietrabruna, etwa 20 Minuten von Imperia entfernt und sie wird noch nicht lange an anderen Orten verkauft. Um das Rezept wurde ein großes Geheimnis gemacht“, erzählt Natalino.

Die Stroscia – ihr Name kann mit „abbrechen“ übersetzt werden, hat eine wild romantische Geschichte. Ich erzähle sie Euch in diesem Blog Post. Denn dank Natalino habe ich ein fabelhaftes Rezept für die Stroscia mit nach Hause nehmen dürfen.

 

Wenn Du Urlaub an Liguriens Westküste machst, solltest Du die Stroscia unbedingt vor Ort probieren. Entweder in ihrem Geburtsort Pietrabruna oder in ausgwählten Bäckereien in der Region, zum Beispiel in der Pasticceria Piccardo auf der Piazza Dante 2 in Imperia. Oder auf einem der Festivals in Belissimi, auf denen Mariangela, Natalinos Schwägerin, die Stroscia nach Originalrezept zubereitet.

Hier gibt es dazu immer aktuelle Infos.

6. Zuckerfreie Marmeladen und Trockenfrüchte

Das ligurische Hinterland ist mit einem Überfluss an sonnenverwöhnten Früchten gesegnet. Riesige Feigenbäume, Trauben, Zitrusfrüchte, Pflaumen, Äpfel, Birnen, Sharonfrüchte, alle möglichen Beerensorten wilde Kirschen, Kaktusfeigen und noch viel mehr. . . liefern bis heute die Basis für fruchtige, meist zuckerfreie Marmeladen, mit denen auch blitzschnell eine Crostata gefüllt werden kann.

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Viele Früchte, vor allem Feigen, (aber auch Tomaten und Pilze) wurden traditionell auf Schilfmatten in der Sonne getrocknet, um sie zu konservieren. Diese Matten wurden aus den langen Stängeln des Riesenschilfs geflochten, das unübersehbar den Flusslauf und die Wasserwege aus den Bergen säumt. Auf den Dächern der meisten Häusern an Liguriens Westküste ist eine überdachte Loggia. Hier wurden die Früchte tagsüber in die Sonne zum Trocknen gelegt. Nachts wurden sie zum Schutz vor Feuchtigkeit ins Haus geholt, am  nächsten Morgen wieder rausgebracht – etwa einen Monat lang.

Heute werden die Früchte meist im Dörrgerät getrocknet. Natalino trockne noch immer nach guter alter Tradition. Ich die ursprüngliche Idee und finde es hoch interessant zu wissen, welch pragmatischen Ursprung so manch aktueller Food-Trend hat.

Feigen Ligurien
Feigen Ligurien
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Empfehlenswerte Unterkünfte und Restaurants in Dolcedo

Mirto e Olivo, Bellisimi (Dolcedo)

Natalino betreibt mit seiner Frau das kleine Agriturismo „Mirto e olivo“. Du kannst es über Airbnb oder direkt buchen. Mehr über Natalino und seine Kontaktdaten findest Du auf seinem italienischen Blog.

Mirto e olivo, Agriturismo in Dolcedo

Il fenera, Isolalunga (Dolcedo)

Charmantes Ferienhaus in Dolcedo an Liguriens Westküste

Hier haben wir gewohnt. Mit viel liebe zum Detail haben Esther und Ihr Mann einen ehemaligen Futterstall zu einem romantischen kleinen Häuschen auf zwei Ebenen ausgebaut. Buchen kannst Du es zum Beispiel über den Anbieter ferienhausmiete.de

Ududema Bed&Breakfast, Lecciore (Doldeco)

Wunderschöne Zimmer und leckeres Frühstück weit oben in den Hügeln hinter Imperia. Hier kannst Du Natur pur und die Gastfreundschaft von Laura genießen, die Deinen Aufenthalt zu etwas ganz Besonderem macht. Du kannst direkt über die Homepage buchen.

Empfehlenswerte Restaurants:

Agriturismo Il Vigneto

Authentische, einfache ligurische Küche, gekocht von der liebenswürdigen „mamma“ und ihrer Tochter. Alle Produkte sind aus eigenem Anbau, das Menü, auf Wunsch rein vegetarisch, ist eine Überraschung und muss telefonisch vorbestellt werden. Unfassbares Preis-Leistungs-Verhältnis: Wir haben pro erwachsene Person 25 Euro inklusive Getränke für ein 5-6 Gänge Menü bezahlt. Die Kinder waren umsonst.

Via Giuseppe Garibaldi 79, 18020 Dolcedo
Tel.: +39 333 214 3404

Osteria Maibòn

Typisch ligurische Küche, hausgemachte Pasta und selbtgebrautes Bier. Die Osteria hat eine besonders schöne Lage direkt am Fluss, die Terasse ist stimmungsvoll mit Fackeln beleuchtet. Etwas höheres Preisniveau aber absolut lohnenswert.

Osteria Maibon, Dolcedo, empfehlenswertes Restaurant an Liguriens Westküste

Via Ciancergo 5, 18020 Dolcedo
Tel.: +39 0183 62698

Casa della Rocca

Außergewöhnlich gute Küche, fast schon auf Sterneniveau. Trotzdem kostet ein Menü hier nur 39 Euro pro Person. Für die Region ist das viel, aber wer sich den Genuss einmal gönnt, wird es nicht bereuen. Zum Nachtisch gibt es eine ganz besondere, einzigartige Spezialität: Olivenöleis.
Via Ripalta 318020 Dolcedo
Tel.: +39 0183 280138

 

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